So viel Glück ist nicht zu verarbeiten

Drei Ruder-Olympiasieger aus Schleswig-Holstein und aus – fast – drei Generationen trafen sich zum Erfahrungsaustausch. Der Kieler Kraft Schepke (79, Goldmedaillengewinner im Achter in Rom 1960), die Preetzerin Meike Evers-Rölver (36, Olympiasiegerin im Doppelvierer 2000 in Sydney und 2004 in Athen) sowie der Rendsburger Lauritz Schoof (23), der 2012 in London im erfolgreichen deutschen Doppelvierer ruderte, hatten viel zu erzählen. Und sie überraschten sich dabei selbst, zum Teil mit Geschichten wie aus einer anderen Welt.

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Zum Gedankenaustausch trafen sich drei schleswig-holsteinischer Ruder-Olympiasieger in der KN-Redaktion, von rechts: Lauritz Schoof, Kraft Schepke, Meike Evers-Rölver und KN-Sportchef Gerhard Müller, der das Gespräch moderierte. Foto: Kieler Nachrichten

Herr Schepke, wären Sie gerne noch mal jung und würden im 21. Jahrhundert rudern?

Kraft Schepke: Das ist eine etwas unfaire Frage, denn genausowenig, wie ich mich heute in die eigene Person 50 Jahre zurückversetzen kann, kann ich mich in die aktuelle Zeit übertragen. Ich hätte nach den Olympischen Spielen in London auf der Rückreise an Bord der Deutschland nach Hamburg gerne genauso Remmidemmi gemacht, aber wieder hart trainieren und rudern, nein, das nicht.

Meike und Lauritz, haben Sie irgendwelche Vorstellungen, unter welchen Bedingungen die Generation Schepke Hochleistungssport betrieben hat?

Lauritz Schoof: Ja, Vorstellung bestimmt – ich weiß aber nicht, ob sich das damit deckt. Kraft Schepke: Mit Sicherheit nicht. Ich will Euch mal eine typische Situation schildern. Wir wollten von Kiel zu einer Achter-Regatta nach Mainz. Unser Boot haben wir getragen von der Seeburg bis zum Sartori-Kai, weil da ein Bahnanschluss ist. In Mainz ging das genauso. So etwas kann man sich heute gar nicht vorstellen.
Meike Evers-Rölver: Stimmt, so etwas gab es bei uns nicht.
Schepke: Karl-Heinz Hopp war damals Student in Lübeck, der kam nach Kiel zum Training und hat manchmal gar nicht gewusst, was er am nächsten Tag essen sollte. Sein Vater hat ihm das Rudern strikt verboten. Er durfte erst weitermachen, nachdem unser Trainer und wir seinen Vater darum gebeten hatten.

Meike und Lauritz, haben Ihre Eltern Ihnen vielleicht auch das Training verboten, damit die Schule nicht leidet?

Schoof: Als ich mit 15 Jahren von Rendsburg aufs Internat nach Ratzeburg gehen sollte, war meine Mutter zuerst dagegen. Meine Eltern hatten mit Sport sehr wenig am Hut. Als sie gemerkt haben, es geht in Richtung Junioren-WM, alles wird professioneller, haben sie dennoch nicht locker gelassen. Meine Abitur war ihnen halt wichtig.
Evers-Rölver: Meine Mutter wollte immer, dass ich Sport treibe, aber als es dann mit 15 Leistungssport wurde, sagte sie, dass ist ja nicht gut für den Rücken, und die Schule darf auch nicht vernachlässigt werden. Als ich mit 17 nach Ratzeburg ins Internat wollte, habe ich meine Eltern ein wenig überrumpelt und alles geregelt, während sie in Urlaub waren. Ich bin sehr froh, dass sie das ihrem jüngsten Kind und ihrem einzigen Mädel erlaubt haben.

Herr Schepke, wie kamen Sie denn zum Rudern?

Schepke: 1953 über meinen Lehrer, Karl Wiebke, an der Max-Planck-Schule. Meine Eltern haben meine Bruder Frank und mich immer unterstützt, mein Großvater war schließlich Gründer des Königsberger Ruderklubs, mein Vater war ebenfalls Ruderer.

Bei Kraft Schepke war Rudern offenbar genetisch bedingt. Wie sind Sie, Meike, aufs Rudern aufmerksam geworden?

Evers-Rölver: Ich habe früher alles Mögliche gemacht, sogar Rhythmische Sportgymnastik, wo ich eher der Elefant zwischen den ganzen Elfen war. Ich habe Handball und Tischtennis gespielt und wäre 1992 sogar fast vom Rudern zum Basketball gewandert, aber in diesem Moment hat mich Gerd Andreas in Preetz entdeckt.

Wie war das bei Ihnen, Lauritz?

Schoof: Ich habe Handball gespielt, und bin über die Schule eher aus Spaß zum Rudern gekommen. Mein Entdecker war Christian Müller vom Rendsburger Ruderverein.
Evers-Rölver: Ich fand es damals erstaunlich, dass Du relativ kurz gerudert hast und nach Ratzeburg zogst.
Schoof: Ich wollte vor allem mal was Neues machen. Als Handball-Torwart war ich nicht schlecht, aber es hat nicht gereicht für die Landesauswahl. Für mich war das das erste Scheitern, und ich habe gedacht, dass ich Fähigkeiten habe, die ich nicht im Tor ausleben kann. Rudern ist dann wirklich die perfekte Sportart geworden, weil ich mich sehr schnell gesteigert habe. Beim Rudern kann man halt sehr viel ackern und frühzeitig Erfolge einfahren. Dafür braucht man eine bestimmte Mentalität.
Evers-Rölver: Und Talent.
Schoof: Stimmt, nur mit ackern kommst du nicht weit. Aber um noch mal auf Ratzeburg zurück zu kommen: Ich kann mich auch an einen Vortrag von Dir, Meike, erinnern, in dem Du uns klar gemacht hast, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen und von Doping die Finger zu lassen. Du warst zu dieser Zeit Doping-Beauftragte, das hat mich sehr beeindruckt.

Haben Sie denn auch richtig geackert, Meike?

Evers-Rölver: Ich gehörte zu denen, die sich nicht hoch arbeiten mussten in der Junioren-Zeit. Der Bundestrainer hat gesagt, Meike, du versaust mir die Statistik.

Sie waren doch nicht etwa trainingsfaul?

Evers-Rölver: Nein, nicht unbedingt, ich habe lieber kurz und effektiv trainiert als viel. Ich war schon jemand, der für das Training einen Tritt in den Hintern brauchte. Das wusste mein Trainer auch, deshalb war er auch der richtige Trainer für mich. Und ich hatte genug Talent, um es so zu schaffen.

Herr Schepke, gab es bei Ihnen einen Zeitpunkt, von dem Sie sagen, da hat mein systematisches Training angefangen?

Schepke: Ja, ich habe gerade überlegt, wie das bei mir war. Ich habe wie Lauritz auch Handball gespielt. Dann dachte ich, in der Leichtathletik voran zu kommen. Systematisches Rudern, das begann so etwa mit 20 Jahren, 1954. Da entwickelte sich das Ziel, 1956 als Kieler Dithmarsen-Vierer zu den Olympischen Spielen nach Melbourne zu kommen. 1956 hat unser Kiel-Ratzeburger Achter bei der gesamtdeutschen Meisterschaft gegen den Achter der Ostzone verloren. Nachdem der Ostzonen-Achter anschließend bei der Europameisterschaft eingebrochen und nur Sechster geworden war, kam der Vorschlag, aus unserem schnellen Ditmarsen-Vierer und dem Zonen-Vierer, der Europameister geworden war, einen gesamtdeutschen Achter zu machen. Das wurde aus politischen Gründen abgelehnt. Da hat Wiebke gesagt, nun arbeiten wir daraufhin, dass ihr in Rom dabei seid. 1959 hat dann unser Achter mit über zehn Sekunden Vorsprung die Europameisterschaft gewonnen. Das war der Durchbruch auf dem Weg nach Rom, denn da hieß es, das ist der Achter für Olympia. Der Olympiasieg hat dann natürlich alles überstrahlt, da haben wir mit über vier Sekunden Vorsprung vor Kanada gewonnen, erstmals ist ein Achter bei Olympischen Spielen unter sechs Minuten geblieben. Dennoch muss ich zugeben, das richtig harte Training erlebte ich erst unter Karl Adam in Ratzeburg, als wir es als Kieler Vierer 1962 noch einmal im Hinblick auf die WM wissen wollten. Trotzdem haben wir bei der deutschen Meisterschaft verloren. Das war’s dann.

Was bedeutet es, Olympiasieger zu sein?

Meike Evers: Ein immer währendes inneres Grinsen und von außen Respekt und Anerkennung. Aber ich muss das nicht nach außen tragen.
Lauritz Schoof: Mir geht es darum, dass ich das Bestmögliche für mich erreicht habe. Ich hätte vor London nicht gedacht, dass der Olympiasieg mir so viel innere Ruhe verschafft.

War das Erlebnis in London so genial, dass Sie sagen, ich will auf jeden Fall 2016 in Rio de Janeiro dabei sein?

Lauritz Schoof: Nein, das nicht. Ich werde mein Leben nicht auf Rio ausrichten, da ich ja auch mein Studium durchziehen muss. Aber ich werde natürlich trotzdem alles für Rio geben, weil ich weiß, wie toll das in London war.
Meike Evers: Du weißt, dass Du schon mal ganz oben warst. Da fällt vieles leichter. Weil Du weißt, wofür Du trainierst und weil Du Dir sagst, es ist genial die deutsche Hymne zu hören, das will ich noch einmal erleben.
Schepke: Ich wollte noch etwas zur Bedeutung der Goldmedaille sagen. Olympiasieger bleibt man ein Leben lang, als Weltmeister steht irgendwann ein Ex davor. Das Wissen, als Ruderer zu den Besten der Welt gehört zu haben, hat mir später im Beruf eine gewisse Befriedigung gegeben. Und heute erlebe ich es immer noch, das Menschen in Schleswig-Holstein mit meinem Namen etwas anfangen können. Schepke? Ach, das ist doch der Olympiasieger von 1960. Ich gebe zu, das gefällt mir.

Was bringt Ihnen die Erfahrung aus dem Leistungssport im Beruf? Der frühere Fecht-Bundestrainer Emil Beck hat die These aufgestellt, meine Top-Sportler bringen auch im Beruf.

Evers-Rölver: Man gibt nicht so schnell auf, weil man weiß, dass man etwas schaffen kann, wenn man hart dafür arbeitet. Vorhin habe ich noch an einer Akte gearbeitet, und es war noch eine Kleinigkeit zu machen. Die habe ich nicht auf morgen verschoben.

Ziehen Sie, Lauritz, konsequent Ihr Studium durch oder sagen Sie auch mal, nein, heute lege ich mich mal an einen See?

Schoof: Im Sport kriegt man schnelle Rückmeldungen für das, was man investiert hat. Das hilft einem, die Belastung Studium und Training auf sich zu nehmen?

Die Frage zielt auch auf die These ab, dass Leistungssportler nach Karriere und Studium für Unternehmen potenzielle Leistungsträger darstellen.

Schoof: Da ist bestimmt etwas dran.
Schepke: Mein Achter-Kollege Hans Lenk hat immer gesagt: „Mein Leistungssport hat mich zu dem gemacht, was ich bin.“ Und er ist Philosophie-Professor geworden. Aber ich kann für mich natürlich nicht sagen, dass etwas anderes aus mir geworden wäre, wenn ich keinen Leistungssport gemacht hätte.

Zum Sport gehören auch Niederlagen. Wie wichtig sind denn die, wenn man ganz nach oben kommen will?

Schoof: Die sind für die Entwicklung vielleicht noch besser als Siege. Meine Geschichtevon der WM 2011 in Bled, als unser Vierer wegen eines Fehlers von mir kurz vor dem Ziel Gold verspielte, hat mir gezeigt, wie die Außenwelt so etwas beurteilt und mich beeinflusst. Ich war danach auf mich alleine gestellt, von den Journalisten bin ich wie in einen Löwenkäfig gestellt worden. Das ist eine Situation, in der muss man krampfhaft locker bleiben, was ja eigentlich widersinnig ist, aber das habe ich bis London geschafft.
Evers-Rölver: Ohne meine Niederlagen wäre ich nicht so weit gekommen. 1997 bin ich Weltmeisterin geworden mit gewissen zwischenmenschlichen Problemen zur Bundestrainerin. Da war ich im Winter an einem Punkt, an dem ich mir sagte, unter dieser Frau kannst du nichts werden. Doch dann habe ich ihr ruderisch den Stinkefinger gezeigt, richtig hart trainiert, und so kam sie nicht mehr an mir vorbei. Das war für mich ein Schlüsseljahr, eine harte Lektion, aber im Rückblick bin ich dankbar dafür.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einer Schulklasse und eine Zwölfjährige fragt Sie, was ist Ihr olympischer Moment. Was antworten Sie?

Schepke: Das Beeindruckendste in Rom war für mich das Finale im Hochsprung. Es war schon dunkel, das Stadion war voll, ein paar Scheinwerfer waren auf die Anlage gerichtet. Wenn einer gesprungen ist, war es mucksmäuschenstill.
Evers-Rölver: Als ich in Sydney am Abend der Eröffnungsfeier ganz allein am Stadion vorbei gegangen bin und das olympische Feuer über dem Stadion loderte. Das Feuer symbolisiert für mich so viel, diesen Frieden zu spüren, das war einfach schön.
Schoof: Der Moment, als wir 2012 über die Ziellinie gefahren sind. Das war so viel Glück, das konnte ich erst einmal gar nicht verarbeiten.

 

aus den Kieler Nachrichten vom 31.01.2014; Aufgezeichnet von Gerhard Müller

u.a veröffentlich bei rish.de und rudern.de