Schweden Wanderfahrt 2021

Nach einem Jahr des unfreiwilligen Aussetzens konnte am 19. Juli 2021 die lange geplante und lange ersehnte Schweden-Wanderfahrt stattfinden. Dem vorausgegangen waren einige Monate der Unsicherheit, ob die Wanderfahrt überhaupt – und wenn ja, in welchem Unfang, mit welchen Teilnehmer*innen und wo genau – realisierbar sein würde. Doch schließlich saßen 21 Ruderer*innen des PRC mitten in den Sommerferien um 7 Uhr abfahrbereit und voller Vorfreude in den zwei Bussen und dem einen PKW, welche den Weg zur Fähre in Puttgarden einschlugen.

Bis zur zweiten Fähre von Dänemark (Helsingør) nach Schweden (Helsingborg) verlief die Autofahrt reibungslos, doch dann das Drama: Während des Verlassens der Fähre fehlinterpretierte ein LKW-Fahrer die Anweisungen des Fährenmitarbeiters und fuhr gleichzeitig mit einem unserer Busse – natürlich ausgerechnet der mit dem Bootsanhänger – aus dem Schiffsbauch heraus. Da Bus mit Anhänger und LKW bekanntlich nicht nebeneinander in eine Fahrbahn passen, kam es zwangsläufig zur Kollision.

Der zweite Bus betrachtete das Spektakel vom vordersten Platz der noch wartenden Autos und sah zu, wie die beiden Fahrzeuge anfangs hupten, dann ineinander verkeilt stehen blieben und erst nach Abkoppeln des Anhängers sowie einigem Hin- und Herrangieren weiterfahren konnten. Vor allem der LKW trug schwere Lackschäden davon – und somit begann das Warten auf die schwedische Polizei auf dem Fähren-Parkplatz, um den Unfall rechtlich abzusichern. Nach Begutachtung des Videos der Sicherheitskamera, diversen Gesprächen und vielen Anstrengungen konnten wir unsere Fahrt schlussendlich, wenn auch deutlich verspätet, fortsetzen.

Nach weiteren, aber deutlich weniger schwerwiegenden Komplikationen, wie beispielsweise Kreisverkehren, fanden wir uns letztlich gegen 21.30 Uhr auf dem Campingplatz in Ed wieder.

Trotz aller Müdigkeit begann nun das Prozedere, welches uns die nächsten Tage begleiten sollte: Das Zelt für die Mädchen und die Jurte für die Jungs aufbauen, Essen kochen, Isomatten aufpusten und Schlafsäcke ausrollen. Mit dem Ziel, so schnell wie möglich in unsere „Betten“ kriechen zu können, wurde eifrig angefasst und schnell war das Nachtlager errichtet.

Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück und Einpacken des Gepäcks (ein Ereignis, welches noch genauerer Betrachtung bedarf) wurden die Boote zu der wenige Kilometer entfernten Ablegestelle gefahren und aufgeriggert.

Aufgrund des Fehlens einer Luftpumpe mussten die Auftriebskörper, je zwei pro Boot, mit dem Mund aufgepustet werden. Nachdem uns allen ein wenig schwindelig war, die Boote aber beladen und gegen das Untergehen gesichert im Wasser lagen, konnte die erste Tour nach Nössemark beginnen.

Statt über die nächsten Etappen nach Lennartsfors, Töcksfors und Kråkenas nun im Einzelnen zu berichten, ist es wohl interessanter, die täglich wiederkehrenden Vorgänge und andere Anekdoten aufzugreifen.

Definitiv zu nennen ist das bereits erwähnte morgendliche Beladen der Busse. In den Booten selber haben wir neben Erste-Hilfe-Kasten, Werkzeug und Ersatzteilen, Wasserkanister usw. ausschließlich das Tagesgepäck mit Verpflegung, Sonnencreme, Handy und ggf. Regenklamotten transportiert. Da der Bootsanhänger, der PKW sowie einer der beiden Busse bereits am ersten Tag zu unserem letzten Übernachtungsort gefahren wurden, hieß es, das gesamte Reisegepäck, Zelt und Jurte, zwei Kocher inklusive Gasflasche und vieles mehr in dem einen verbleibenden Bus zu verstauen. Hier waren jeden Tag auf’s Neue Expertise und gewisse Tetris-Kenntnisse gefragt, welche sich insbesondere Kaja, Beeke und Charlotte F. im Laufe der vergangenen Wanderfahrten angeeignet haben.

Der beladene Bus wurde stets vom Landdienst, welcher jeden Tag aus drei neuen Personen bestand, zum nächsten Campingplatz gefahren.

Eine weitere Aufgabe des Landdienstes war das Einkaufen für das Abendessen des jeweiligen und das Frühstück des kommenden Tages – ein Unterfangen, bei welchem die Verkäufer*innen der schwedischen Supermärkte regelmäßig verdutzt guckten, wenn wir mit einem überquellenden Einkaufswagen an der Kasse standen.

Die übrigen 18 Ruderer*innen wurden auf die drei Gig-Vierer und den einen Gig-Zweier verteilt und ruderten entsprechend einer Wanderfahrt bis zum nächsten Übernachtungsort.

Die Zuteilung der Boote oblag dem Landdienst des jeweiligen Vortages und sorgte abends bei der Verkündung nicht selten für angeregte Diskussionen: „Karat ist viel zu gut besetzt, die werden doch wieder vorne weg fahren!“, „Die Lachs ist sowieso das langsamste Boot, aber mit der Mannschaft kommen die ja gar nicht mehr hinterher!“ oder auch „Warum sitze ich denn schon wieder in der Steenbek? Mein Hintern tut mir von gestern immer noch weh!“

Zum Ende der Fahrt stellte sich heraus, dass doch tatsächlich die Berlin, nein, die Wotan, wie sie von Flo kurzerhand umgetauft wurde, das von allen bevorzugte Boot war. Der Bug, an welchem mit Kreppband geschrieben der neue Name prangte, schien am kraftvollsten und flüssigsten durch die Wellen des Sees „Stora Le“ zu pflügen.

Und mit Wellen hatten wir definitiv zu kämpfen. Wenn der Wind ungünstig stand, bauten sich die Wellen teilweise über eine Länge von mehreren zehn Kilometern auf und machten insbesondere der Besetzung der Lachs das Rudern schwer.

So musste in den Pausen, welche auf den 20 – 30 Kilometer langen Touren regelmäßig eingelegt wurden, häufig mit Schwämmen und Kellen Wasser geschöpft werden, damit das Gewicht nicht allzu hoch und u.a. die Rucksäcke nicht allzu nass wurden.

Ansonsten wurden die Pausen traditionell zum Baden und Vertilgen der Brote, welche sich jede*r morgens schmieren musste, genutzt – alles begleitet von einem ständigen Antimückenspray- und Sonnencremeduft, ausgehend von den Sich-Neu-Eincremenden.

Auch die Wasserflaschen wurden wieder befüllt, in den ersten Tagen noch an den mitgenommenen 20- und 15-Liter-Kanistern. Im Verlauf der Fahrt wurde jedoch bald deutlich, dass das glasklare Seewasser deutlich besser schmeckte als das Leitungswasser aus den Kanistern, da dieses stets einen unangenehmen Plastik-Beigeschmack hatte – dementsprechend wurden die Wasserflaschen bald in den See statt unter die Kanister gehalten.

Das kristallene Wasser erfreute uns auch an zahlreichen Badestellen, nicht nur in den Ruderpausen, sondern auch an den Campingplätzen. Nachdem wir gegen Nachmittag an unseren jeweiligen Übernachtungsorten angekommen waren, sprangen wir häufig noch einmal in den See und haben uns regelmäßig mit grüner Seife dort auch „geduscht“.

Während sich die meisten noch im Wasser vergnügten, war das Kochteam bereits mit Gemüse schneiden und Nudeln, Kartoffeln oder Reis kochen beschäftigt.

Die Planung der Abendessen wurde in diesem Jahr von der Mädchengruppe übernommen. Die groben Schätzungen, wie viel eine 21-köpfige Truppe nach einem langen Rudertag wohl vertilgen würde, stellten sich meist als sehr treffend heraus und so mussten wir uns um die Resteverwertung keine weiteren Sorgen machen. Rückblickend konnte die allgemeine Meinung festgehalten werden, dass die Rezepte durchweg sehr lecker waren – und das obwohl es im Vorfeld durchaus kritische Anmerkungen zu der ausschließlich vegetarischen Ernährung gab.

Nach dem Essen fand sich oft eine Gruppe in Nähe der Campingplatz-Küche ein, da dies nicht selten der Ort mit der einzigen verfügbaren Steckdose war. In diese wurde dann ein Mehrfachstecker gesteckt, mit welchem zwei weitere Mehrfachstecker versorgt wurden. So hatten alle die Möglichkeit, Handys und vor allem Musikboxen zu laden.

Letztere wurden während des Ruderns täglich bis zur Ermüdung des Akkus genutzt, da jedes Boot selbstverständlich mit eigener Musik ausgestattet war. Wenn sich die Boote mal wieder trotz des kilometerbreiten Sees wie Magnete anzogen und Skullblatt an Skullblatt teilweise zu viert nebeneinander herfuhren, kam es dann zu folgender, bemerkenswerten Situation: Zu hören war ein Lied von Links, ein anderes Lied von Rechts und dazu ein weiteres aus dem eigenen Boot – meist völlig unterschiedliche Musikrichtungen.

Mit der drittletzten Ruderetappe von Lennartsfors zum Silverlake Camp in Kråkenas hatten wir einen langen Tag vor uns – neben den 35 Kilometer, der längsten aller Touren, mussten wir zwei Schleusen passieren.

Anders als in Deutschland bezahlt man in Schweden, damit die Boote geschleust werden, und das nicht zu knapp. So kam es, dass wir uns nach einigem Hin und Her dazu entschlossen, die erste Schleuse zu umgehen und die Boote mehrere hundert Meter über Land zu tragen, um sie anschließend wieder ins Wasser zu lassen. Leider lag die erste Schleuse nur 500 Meter von unserer Ablegestelle entfernt – dementsprechend mussten wir die Boote ins Wasser lassen, Skulls einbauen und Gepäck einladen – nur um ein paar Minuten zu rudern und dann alles wieder auszuladen. Es war eine Herausforderung, die Boote, Skulls, Rollsitze, Steuer sowie sämtliches Tagesgepäck bis zu der nächsten Ablegestelle zu tragen, und diese sorgte bei vielen für Verspannungen und schmerzende Schultern. Da jedoch alle bereitwillig mithalfen, konnten wir verhältnismäßig schnell weiterfahren.

Die zweite Schleuse, welche wir nicht über Land umgehen konnten und welche neben der Bezahlung auch recht viel Zeit in Anspruch nahm, war schließlich Anlass genug, um die Streckenplanung der übrigen zwei Tage zu ändern – am nächsten Tag stand ansonsten bereits eine weitere Schleusung an. Mit wenigen Anrufen standen bald Söpplanda und Sillegårdsed als die letzten beiden Ziele fest und keine weiteren Schleusen versperrten unseren Weg.

Ursprünglich war geplant, dass wir auf dem letzten Campingplatz zwei Nächte bleiben und einen ruderfreien Tag einlegen würden.

In mit den Autos erreichbarer Entfernung lag ein Nationalpark, in welchem wir uns Elche hätten anschauen und Zip-Line, eine Art Seilbahn hoch über den Bäumen, hätten fahren können. Wir bauten also wie immer nach der Ankunft Zelt und Jurte auf und verbrachten einen gemütlichen Abend, beispielsweise mit Karten spielen – bis plötzlich Starkregen aufkam.

Bereits nach den ersten Minuten, in denen es längst durch die Decke zu tropfen begann, wurde deutlich, dass die Jurte diesem Wetter über Nacht nicht standhalten würde. Begleitet von der Musik von Santiano („Es gibt nur Wasser, Wasser, Wasser überall…“) wurde zuerst versucht, die untergehende Jurte zu stabilisieren und das eintretende Wasser aufzufangen. Doch wir mussten uns bald eingestehen, dass das ganze Unterfangen wenig Sinn hatte und gleich darauf kam das Kommando, jegliches Gepäck in den Aufenthaltsraum des Campingplatzes zu bringen.

Dieser befand sich ungünstigerweise mehrere hundert Meter entfernt – das bedeutete für uns: Einen Trampelpfad durch ein kleines Waldstück entlang laufen, anschließend eine Badestelle überqueren und zum Schluss die größte Herausforderung meistern, einen recht steilen Hügel, leider ebenfalls nur mit einem Trampelpfad befestigt. Wegen des Regens und der vielen Menschen, welche ständig hin und her liefen, entwickelte sich der Abhang schnell zu einer reinen Rutschpartie, welche von einigen auch mehr oder weniger freiwillig so genutzt wurde.

Nun ergab sich also das Bild, dass um die 20 Ruderer*innen im strömenden Regen und quasi sprintend, mit Reisetaschen und Ähnlichem beladen, versuchen, eine Schlammpiste hinaufzukommen. Die Krönung dessen war die Tatsache, dass die meisten nur noch Unterhose und ggf. Sport-BH trugen, um wenigstens die restliche Kleidung erstens nicht nass und zweitens nicht matschig werden zu lassen.

Nachdem alle Gepäckstücke der Jungen im Trockenen waren, bemerkte auch die Mädchen-Gruppe, dass es auch innerhalb des eigenen Zeltes zu regnen begann. Also begann der Spaß von vorne, bis auch die letzten Taschen, Schlafsäcke, Isomatten und jegliches andere Gepäck in den Aufenthaltsraum gerettet wurde.

Die Nacht verbrachten wir ebenfalls in diesem Raum – eine durchaus kuschelige bis enge Angelegenheit.

Da am nächsten Morgen keine Verbesserung des Wetters vorhergesagt wurde, beschlossen wir schweren Herzens, auf die Elche und die Zip-Line zu verzichten und einen Tag früher abzureisen.

Die Boote waren am Vortag noch bei Sonnenschein geriggert und auf den Hänger gelegt worden, so galt es also nun im Regen das Gepäck, sowie Zelt und Jurte sowie jegliche Küchenutensilien möglichst schnell zu verstauen. Wieder Regen bedeutete: Wieder nur in Unterwäsche!

Trotz der spontanen Abreise verlief die Rückfahrt gut und gegen Abend des 27. Juli rollte der Bootsanhänger wieder in die Einfahrt unseres Ruderclubs.

Am nächsten Abend, also dem eigentlich geplanten Tag unserer Rückkehr, hat sich die gesamte Gruppe noch einmal am Ruderclub versammelt, um die Wanderfahrt am Grill ohne Packstress und tropfende Jurte Revue passieren zu lassen. So brachten wir die Wanderfahrt doch noch zu einem gebührenden Abschluss.

Alle waren sich einig, dass, trotz der Einrahmung durch LKW-Unfall und Starkregen, neun grandiose Tage in Schweden hinter uns lag. Angemerkt: Das Wetter ließ tatsächlich während der gesamten Tour – bis auf den letzten Tag natürlich – keine Wünsche offen.

In Erinnerung bleiben werden außerdem die wunderschöne schwedische Landschaft mit dem kristallklaren Seewasser, aber auch unsere tolle Gemeinschaft und die zusammen verbrachte Zeit.


Großen Dank an Helene für diesen so schön zu lesenden und ausführlichen Bericht!